Wer eine Springspinne länger beobachtet, bekommt schnell ein merkwürdiges Gefühl.
Sie schaut zurück.
Sie dreht sich zu uns um. Sie verfolgt Bewegungen. Sie scheint etwas zu beobachten, kurz innezuhalten und sich anschließend ganz bewusst für eine Richtung zu entscheiden.
Wer Springspinnen hält, kennt wahrscheinlich genau diese Momente.
Und irgendwann taucht deshalb eine erstaunliche Behauptung auf:
Springspinnen sollen angeblich so intelligent sein wie ein Schaf.
Das klingt spektakulär. Wissenschaftlich lässt sich Intelligenz zwischen so völlig unterschiedlichen Tieren allerdings nicht auf einer einfachen Skala vergleichen.
Eine Springspinne ist also nicht einfach ein winziges Schaf mit acht Beinen.
Doch das macht die Sache keineswegs weniger beeindruckend.
Denn Springspinnen können tatsächlich lernen, sich Dinge merken, Entscheidungen treffen, Umwege planen, Mengen unterscheiden und offenbar sogar einzelne Artgenossen wiedererkennen.
Und all das geschieht in einem Nervensystem, das im Verhältnis zum Gehirn eines Wirbeltieres geradezu winzig ist. Genau deshalb beschäftigen sich Forschende inzwischen intensiv mit der Frage:
Wie viel Denken passt eigentlich in eine Springspinne?
Intelligenz ist mehr als die Größe eines Gehirns
Wir Menschen neigen dazu, Intelligenz mit großen Gehirnen zu verbinden.
Menschen besitzen große Gehirne. Menschenaffen ebenfalls. Delfine, Elefanten oder Krähen gelten als intelligent.
Eine Springspinne passt dagegen bequem auf eine Fingerspitze.
Auf den ersten Blick scheint der Vergleich absurd.
Doch in der Verhaltensforschung interessiert nicht nur die Größe eines Gehirns. Entscheidend ist, was ein Tier mit den vorhandenen Nervenzellen tun kann.
Kann es aus Erfahrungen lernen?
Kann es eine einmal gelernte Strategie wieder verändern?
Kann es Informationen speichern?
Kann es zwischen mehreren Möglichkeiten wählen?
Kann es eine Lösung finden, obwohl das Ziel momentan gar nicht sichtbar ist?
Genau bei solchen Aufgaben werden Springspinnen interessant.
Sie besitzen kein kleines menschliches Gehirn. Ihre Informationsverarbeitung ist vielmehr stark auf die Dinge spezialisiert, die für ihr Leben wichtig sind: Sehen, Jagen, Orientierung und schnelle Entscheidungen. Moderne Übersichtsarbeiten betrachten Springspinnen deshalb als besonders interessantes Modell für vergleichende Kognitionsforschung.
Experiment 1: Die Spinne, die einen Weg plant, bevor sie losläuft
Eines der berühmtesten Beispiele stammt von Springspinnen der Gattung Portia.
Portia ist selbst unter Springspinnen außergewöhnlich. Diese Tiere jagen häufig andere Spinnen – also Beute, die ebenfalls schnell reagieren und im schlimmsten Fall zurückbeißen kann.
Blindes Drauflosspringen wäre eine ziemlich schlechte Strategie.
In einem klassischen Experiment setzte man eine Portia auf eine erhöhte Plattform.
Von dort konnte sie zwei mögliche Wege sehen.
Einer führte über verschiedene Stangen und Rampen zu einer Beutespinne.
Der andere endete im Nichts.
Das Entscheidende dabei:
Sobald die Springspinne ihren Weg begonnen hatte, konnte sie das Ziel teilweise nicht mehr sehen.
Sie musste sich also vorher orientieren und anschließend einen Weg verfolgen, obwohl die Beute zeitweise aus ihrem Blickfeld verschwunden war.
Stell Dir das vereinfacht so vor:
Du stehst auf einem Aussichtsturm.
Unten siehst Du zwei Waldwege.
Der linke schlängelt sich um einen Hügel und führt zu Deinem Auto. Der rechte sieht zunächst genauso gut aus, endet aber irgendwann an einem Zaun.
Sobald Du den Turm verlassen hast, kannst Du das Auto nicht mehr sehen.
Du musst Dich also entscheiden, bevor Du losgehst.
Genau diese Art von Problem lösten die Spinnen.
Weitere Untersuchungen zeigten, dass Portia sogar Routen wählen kann, bei denen sie sich zunächst von der Beute entfernen muss, um später zu ihr zu gelangen.
Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht.
Ein Tier, das ausschließlich dem aktuellen optischen Reiz folgen würde, müsste immer in Richtung Beute laufen.
Portia kann offenbar etwas anderes tun:
Das unmittelbare Ziel ignorieren, eine alternative Route wählen und erst später wieder darauf zulaufen.


Sie verliert ihre Beute aus den Augen – und sucht trotzdem weiter
Noch faszinierender wird es außerhalb des Labors.
Auch in der Natur wurden Portia-Springspinnen dabei beobachtet, wie sie komplizierte Umwege zu netzbauenden Spinnen nahmen.
Dabei kann die Beute längere Zeit vollständig aus ihrem Sichtfeld verschwinden.
Die Springspinne läuft beispielsweise um Vegetation herum, verändert ihre Position und nähert sich anschließend von einer günstigeren Seite dem Netz.
Das bedeutet nicht automatisch, dass eine Springspinne in unserem menschlichen Sinne denkt:
„Wenn ich hier entlanglaufe, bin ich in zehn Minuten hinter ihr.“
Aber ihr Verhalten spricht dafür, dass sie Informationen über ein Ziel intern speichern und später wieder verwenden kann. Genau diese Frage nach inneren Repräsentationen ist einer der Gründe, warum Portia für die Kognitionsforschung so interessant geworden ist.
Experiment 2: Kann eine Springspinne zählen?
Jetzt wird es noch kurioser.
Forscher untersuchten bei Portia africana, ob die Spinnen unterscheiden können, wie viele andere Spinnen sie sehen.
Dafür nutzten sie ein Verfahren, das man vereinfacht als Erwartungsverletzung beschreiben kann.
Eine Springspinne sah beispielsweise zunächst eine bestimmte Anzahl von Beutetieren.
Dann wurde ihre Sicht kurz unterbrochen.
Als sie die Tiere erneut sehen konnte, hatte sich deren Anzahl verändert.
Die entscheidende Frage lautete:
Merkt die Spinne, dass etwas nicht stimmt?
Und tatsächlich reagierten die Tiere unterschiedlich, wenn aus einer erwarteten Menge plötzlich eine andere geworden war.
Besonders interessant war das Muster.
Die Ergebnisse sprechen dafür, dass Portia eins, zwei und „mehr als zwei“ unterscheiden kann. Veränderungen zwischen größeren Mengen wie drei und vier wurden dagegen nicht auf dieselbe Weise erkannt.
Man sollte daraus nicht machen:
„Springspinnen können rechnen.“
Das wäre übertrieben.
Aber offenbar existiert zumindest eine einfache Form von Mengenrepräsentation.
Oder einfacher gesagt:
Eine Springspinne scheint einen Unterschied zwischen
einer Spinne, zwei Spinnen und mehreren Spinnen
im Kopf behalten zu können.
Das ist für ein Tier dieser Größe ziemlich erstaunlich.
Experiment 3: Sie können lernen – und ihre Meinung wieder ändern
Intelligenz zeigt sich nicht nur darin, etwas zu lernen.
Noch interessanter wird es, wenn ein Tier merkt:
Die alte Regel funktioniert nicht mehr.
Genau das wurde bei der Springspinne Marpissa muscosa untersucht.
Die Tiere lernten zunächst, bestimmte Farben oder Positionen mit einer Futterbelohnung zu verbinden.
Beispielsweise könnte man es sich vereinfacht so vorstellen:
Gelb = Futter.
Blau = kein Futter.
Die Spinnen lernten diese Verbindung.
Dann drehten die Forscher die Regel um.
Plötzlich war die zuvor richtige Entscheidung falsch.
Jetzt mussten die Spinnen ihre alte Erfahrung gewissermaßen überschreiben und eine neue Regel lernen.
Und genau das konnten sie.
Die Tiere waren in der Lage, Assoziationen zu lernen und anschließend umzukehren. Dabei zeigten einzelne Spinnen sogar unterschiedliche Strategien: Manche orientierten sich stärker an Farben, andere stärker an Positionen.
Das ist wichtig.
Denn ein vollkommen starres Verhalten würde ungefähr so funktionieren:
„Ich habe gelernt, dass Gelb Futter bedeutet. Also wähle ich für immer Gelb.“
Flexibles Verhalten bedeutet dagegen:
„Gelb hat bisher funktioniert. Jetzt funktioniert es nicht mehr. Also ändere ich meine Strategie.“
Genau diese Flexibilität ist eine wichtige Grundlage von Kognition.
Experiment 4: Eine Springspinne erkennt etwas, obwohl es nur aus Punkten besteht
Springspinnen sind extrem visuell orientierte Tiere.
Wie fein diese visuelle Verarbeitung sein kann, zeigte ein besonders ungewöhnliches Experiment.
Forscher präsentierten Springspinnen sogenannte Point-Light-Displays.
Dabei sieht man kein richtiges Tier.
Stell Dir eine komplett schwarze Fläche vor, auf der lediglich einige helle Punkte erscheinen.
Diese Punkte befinden sich dort, wo bei einem Tier beispielsweise Gelenke liegen würden.
Bewegen sich die Punkte gemeinsam, erkennt unser Gehirn erstaunlich schnell:
Da läuft etwas Lebendiges.
Obwohl wir überhaupt keinen Körper sehen.
Auch Springspinnen können zwischen solchen biologisch wirkenden Bewegungsmustern und zufälliger Bewegung unterscheiden.
Das bedeutet nicht, dass eine Springspinne bewusst über „lebendig“ und „nicht lebendig“ philosophiert.
Aber ihr Nervensystem analysiert offenbar nicht nur:
Da bewegt sich etwas.
Es verarbeitet zusätzlich:
Wie bewegt es sich?
Das ist ein erheblicher Unterschied.
Experiment 5: Springspinnen erkennen Beute anhand ihrer Form
Eine weitere Springspinne mit beeindruckenden Fähigkeiten ist Evarcha culicivora.
Diese Art besitzt eine ungewöhnliche Vorliebe: Sie jagt unter anderem blutgefüllte weibliche Stechmücken.
Forscher wollten herausfinden, welche optischen Merkmale die Spinne verwendet, um ihre bevorzugte Beute zu erkennen.
Dazu zeigten sie ihr keine echten Moskitos.
Stattdessen verwendeten sie stark vereinfachte Darstellungen – teilweise fast wie Strichzeichnungen.
Trotz dieser Vereinfachung konnten die Spinnen relevante Merkmale ihrer bevorzugten Beute erkennen und kategorisieren.
Das lässt sich ungefähr mit einem Kind vergleichen, das einen gezeichneten Hund erkennt, obwohl die Zeichnung nur aus wenigen Linien besteht.
Natürlich sind die zugrunde liegenden Gehirnprozesse völlig andere.
Aber das Prinzip ist interessant:
Die Spinne braucht offenbar nicht zwingend ein perfektes fotografisches Abbild.
Bestimmte charakteristische Merkmale reichen aus, damit ihr Nervensystem etwas einer Kategorie zuordnet.

Und jetzt wird es für Phidippus-regius-Halter richtig interessant
Viele der spektakulärsten Versuche zur Springspinnenintelligenz wurden mit Portia durchgeführt.
Das ist wichtig zu erwähnen.
Man darf Ergebnisse einer einzelnen Gattung nicht automatisch auf jede der mehr als 6.000 Springspinnenarten übertragen.
Doch inzwischen gibt es auch sehr spannende Forschung direkt an einer der bekanntesten Springspinnen überhaupt:
Phidippus regius.
2025 erschien eine Studie, in der untersucht wurde, ob P. regius verschiedene Artgenossen voneinander unterscheiden können.
Die Versuchstiere zeigten bei einer ersten Begegnung deutliches Interesse aneinander.
Tauchte dieselbe Spinne später erneut auf, veränderte sich ihr Verhalten.
Wurde dagegen eine andere Spinne präsentiert, nahm das Interesse wieder zu.
Die Forschenden interpretieren die Ergebnisse als Hinweis darauf, dass Phidippus regius vertraute von unbekannten Individuen unterscheiden und Informationen darüber über mehrere Stunden speichern kann.
Das ist besonders bemerkenswert, weil Phidippus regius keine hochsozialen Tiere wie Menschen, Affen oder Schafe sind.
Sie leben überwiegend einzelgängerisch.
Trotzdem scheint ihr Nervensystem in der Lage zu sein, die Information
„Diese Spinne kenne ich bereits“
von
„Diese Spinne ist neu“
zu unterscheiden.
Gerade für Halter von Phidippus regius dürfte das eine der spannendsten Erkenntnisse der letzten Jahre sein.
Erkennt Deine Springspinne also auch Dich?
Hier müssen wir wissenschaftlich sauber bleiben.
Aus der Tatsache, dass Phidippus regius andere Springspinnen unterscheiden kann, folgt nicht automatisch, dass Deine Springspinne Dich als individuellen Menschen erkennt.
Es gibt bislang keinen überzeugenden Nachweis dafür, dass eine P. regius ihren Halter ähnlich erkennt wie ein Hund oder eine Katze.
Das heißt allerdings ebenfalls nicht, dass sie Dich überhaupt nicht unterscheiden kann.
Springspinnen reagieren auf Bewegung, Form, Kontrast und Erfahrung. Außerdem können sie lernen und sich an wiederkehrende Reize gewöhnen.
Wenn Deine Springspinne bei Dir irgendwann weniger zurückhaltend wirkt, kann sie also durchaus gelernt haben:
Dieser regelmäßig auftauchende Reiz ist keine unmittelbare Gefahr.
Ob daraus allerdings eine individuelle Vorstellung von „meinem Menschen“ entsteht, wissen wir derzeit nicht.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Also doch so intelligent wie ein Schaf?
Jetzt kommen wir zurück zu unserer Ausgangsfrage.
Nein – zumindest kann man das wissenschaftlich nicht seriös behaupten.
Es gibt keinen allgemein anerkannten Intelligenztest, bei dem man einfach sagen könnte:
Springspinne: 70 Punkte.
Schaf: 70 Punkte.
Also gleich intelligent.
Ein Schaf besitzt ganz andere kognitive Spezialisierungen.
Schafe sind soziale Säugetiere und besitzen beispielsweise ein beeindruckendes Gedächtnis für Gesichter.
In einer bekannten Untersuchung konnten Schafe bis zu 50 andere Schafsgesichter über mehr als zwei Jahre wiedererkennen.
In einem anderen Experiment lernten Schafe sogar Fotografien menschlicher Gesichter zu unterscheiden. Sie konnten trainierte Gesichter anschließend aus einer leicht veränderten Perspektive erkennen. Ein ihnen sehr vertrauter menschlicher Betreuer wurde sogar ohne vorheriges Training auf Fotografien identifiziert.
Das ist eine völlig andere kognitive Welt als die einer Springspinne.
Ein direkter Vergleich wäre deshalb ungefähr so sinnvoll wie die Frage:
Was ist leistungsfähiger – ein Rennwagen oder ein Bagger?
Der Rennwagen ist unglaublich schnell.
Der Bagger kann dafür Dinge bewegen, bei denen der Rennwagen völlig nutzlos wäre.
Beide sind für unterschiedliche Aufgaben optimiert.
Ähnlich verhält es sich mit Gehirnen.

Die spannendere Frage lautet deshalb nicht: Wie schlau ist sie?
Bei Tieren suchen wir häufig nach einer Rangliste.
Mensch ganz oben.
Dann Affen.
Dann Delfine.
Dann Hunde.
Dann vielleicht Vögel.
Und irgendwo weit unten kommen Insekten und Spinnen.
Doch genau diese Vorstellung wird durch moderne Kognitionsforschung immer problematischer.
Evolution baut keine Gehirne, um einen Intelligenztest zu gewinnen.
Sie baut Nervensysteme, die bestimmte Probleme lösen müssen.
Für eine Springspinne bedeutet das:
Beute erkennen.
Entfernungen einschätzen.
Gefahren unterscheiden.
Sprünge berechnen.
Geeignete Wege finden.
Informationen speichern.
Entscheidungen treffen.
Und manchmal einen Plan verfolgen, obwohl das eigentliche Ziel momentan gar nicht mehr sichtbar ist.
Für genau diese Welt scheint ihr Gehirn erstaunlich leistungsfähig zu sein.
Acht Augen bedeuten nicht acht gleiche Bilder
Ein Teil dieser Leistungsfähigkeit hängt vermutlich mit dem außergewöhnlichen Sehsystem der Springspinnen zusammen.
Ihre acht Augen erfüllen unterschiedliche Aufgaben.
Besonders die großen vorderen Hauptaugen liefern eine außergewöhnlich detaillierte Sicht. Andere Augen erfassen dagegen einen großen Bereich der Umgebung und reagieren empfindlich auf Bewegung.
Man kann sich das vereinfacht wie ein Überwachungssystem vorstellen:
Die äußeren Kameras melden:
„Da bewegt sich etwas!“
Dann richtet die Springspinne ihren Körper darauf aus.
Jetzt übernehmen die hochauflösenden Hauptaugen:
„Was genau ist das?“
Forschende beschreiben dieses System als eine Form selektiver visueller Aufmerksamkeit: Verschiedene Augen liefern unterschiedliche Informationsströme, die das Nervensystem anschließend zusammenführt.
Vielleicht entsteht gerade daraus ein Teil jenes Verhaltens, das Springspinnen für uns so aufmerksam wirken lässt.
Wenn Deine Springspinne Dich anschaut, verarbeitet sie tatsächlich Informationen
Natürlich sollten wir Springspinnen nicht vermenschlichen.
Wenn eine Phidippus regius den Kopf beziehungsweise den Vorderkörper dreht und uns mit ihren großen Hauptaugen fixiert, denkt sie wahrscheinlich nicht:
„Ah, Frank kommt wieder.“
Zumindest können wir das nicht behaupten.
Was wir aber inzwischen ziemlich sicher sagen können:
Sie ist keineswegs nur ein kleiner Automat, der nach einem festen Programm auf Reize reagiert.
Während sie dort sitzt und Dich anschaut, verarbeitet ihr Nervensystem Informationen.
Sie entscheidet, welchem Reiz sie Aufmerksamkeit schenkt.
Sie kann Erfahrungen speichern.
Sie kann ihr Verhalten aufgrund neuer Erfahrungen verändern.
Und bei zumindest einigen Springspinnenarten kann diese Verarbeitung so weit gehen, dass sie einen komplizierten Umweg auswählt, Mengen unterscheidet oder ein Individuum erkennt, das sie bereits zuvor gesehen hat.
Wie denkt eine Springspinne?
Das wissen wir nicht.
Und vielleicht ist genau das der faszinierendste Teil der Geschichte.
Wir können Experimente bauen.
Wir können beobachten, welche Entscheidung eine Spinne trifft.
Wir können testen, woran sie sich erinnert.
Wir können überprüfen, ob sie ihre Strategie verändert.
Aber wir können nicht in Erfahrung bringen, wie sich diese Informationsverarbeitung für eine Springspinne anfühlt.
Vielleicht ist schon die Frage zu menschlich gestellt.
Eine Springspinne muss die Welt schließlich nicht so wahrnehmen wie wir.
Ihre Realität besteht aus Bewegungen, Vibrationen, Kontrasten, Entfernungen, möglichen Sprungzielen, Beute und Gefahr.
Und innerhalb dieser völlig anderen Welt besitzt sie offenbar ein bemerkenswert leistungsfähiges System zur Entscheidungsfindung.
Fazit: Nicht so intelligent wie ein Schaf – sondern intelligent wie eine Springspinne
Ist eine Springspinne also so intelligent wie ein Schaf?
Nein. Dieser Vergleich lässt sich wissenschaftlich nicht halten.
Doch eigentlich wäre es fast schade, Springspinnen nur über einen Vergleich mit einem Säugetier interessant machen zu wollen.
Denn ihre tatsächlichen Fähigkeiten sind beeindruckend genug.
Springspinnen können lernen.
Sie können ihre Strategie ändern.
Einige können Mengen unterscheiden.
Sie erkennen komplexe Bewegungsmuster.
Sie können Informationen kurzfristig speichern.
Portia kann komplizierte Umwege auswählen und einem Ziel folgen, das zeitweise nicht mehr sichtbar ist.
Und aktuelle Forschung deutet sogar darauf hin, dass unsere bekannte Phidippus regius einzelne Artgenossen wiedererkennen kann.
Vielleicht sollte die Frage deshalb gar nicht lauten:
„Ist eine Springspinne so intelligent wie ein Schaf?“
Sondern:
Wie schafft es ein Tier, das auf einer Fingerspitze Platz hat, mit einem winzigen Nervensystem all diese Dinge zu leisten?
Und genau darauf hat die Wissenschaft bislang nur einen Teil der Antwort.
Je mehr wir über Springspinnen lernen, desto deutlicher wird jedenfalls:
Hinter diesen großen Augen steckt sehr viel mehr, als man einem so kleinen Tier zunächst zutrauen würde.
Falls noch weitere Fragen offen sind, stellt sie uns gerne unter dem Artikel in den Kommentaren.









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