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Warum fast alle Schaben ganz anders leben als wir denken
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Schaben haben ein Imageproblem. Kaum ein anderes Tier wird so reflexartig abgelehnt. Das Wort allein reicht oft schon aus, um Ekel auszulösen. Viele denken an nächtliches Rascheln, an Küchen, an etwas, das man lieber nicht genauer betrachtet. Biologisch gesehen ist das absurd – und genau darin liegt das eigentliche Problem.
Denn das, was wir im Alltag als „Schabe“ wahrnehmen, ist nicht die Regel, sondern eine extreme Ausnahme.
Die Schabe, die wir kennen, gibt es fast gar nicht
Weltweit sind rund 7.000 Schabenarten bekannt. Von diesen leben nur eine Handvoll dauerhaft in menschlicher Nähe. Je nach Definition sind es etwa zehn Arten, die überhaupt regelmäßig in Wohnungen, Kellern oder Küchen vorkommen. Alle anderen – also über 99 % – haben mit unserem Alltag nichts zu tun.
Sie leben in Regenwäldern, in Laubschichten, unter Rinde, im Boden, in Höhlen oder in Baumkronen. Viele von ihnen verbringen ihr gesamtes Leben an Orten, an denen kein Mensch je eine Küche hatte.
Und trotzdem tragen sie alle denselben Namen: Schabe.

Wir verwechseln eine Ausnahme mit einer ganzen Tiergruppe
Unser Bild von Schaben basiert fast ausschließlich auf den Arten, die sich an den Menschen angepasst haben. Diese wenigen Kulturfolger sind extrem erfolgreich darin, unsere Gebäude zu nutzen. Warm, trocken, ganzjährig verfügbar – für sie ist der Mensch kein Feind, sondern eine ökologische Nische.
Das Problem: Wir übertragen alles, was wir über diese wenigen Arten denken, automatisch auf tausende andere.
Das ist, als würde man alle Vögel nach Tauben auf Bahnhöfen beurteilen.
Schaben sind keine grauen Schattenwesen
Abseits unserer Wohnungen sehen Schaben völlig anders aus. Es gibt Arten mit metallischem Glanz, mit leuchtend grünen oder rötlichen Farben, mit auffälligen Mustern, die eher an Käfer erinnern als an das, was wir mit Schaben verbinden. Manche sind kaum einen Zentimeter groß, andere überraschend massiv gebaut.
Viele dieser Arten sind langsam, ruhig, gut sichtbar. Sie flüchten nicht panisch, sie huschen nicht durch Spalten. Sie leben offen in ihrem Habitat – einfach dort, wo wir nie hinschauen.
Dass wir sie nicht kennen, liegt nicht an ihnen. Es liegt an uns.

Warum Schaben ökologisch wichtig sind – und wir das ignorieren
Schaben gehören in vielen Lebensräumen zu den wichtigsten Zersetzern. Sie verarbeiten abgestorbenes Pflanzenmaterial, Pilze und organische Reste. In tropischen Ökosystemen stellen sie einen erheblichen Teil der tierischen Biomasse dar und sind eine zentrale Nahrungsquelle für Reptilien, Vögel und andere Tiere.
Ohne Schaben würden Stoffkreisläufe langsamer laufen. Wälder sähen anders aus.
Das ist keine Übertreibung – das ist Biologie.

Der schlechte Ruf ist kein biologischer Fakt
Schaben sind nicht „schmutzig“. Sie sind nicht „per se krankheitsübertragend“. Sie sind auch nicht aggressiv oder gefährlich. Ihr schlechter Ruf ist das Ergebnis von Nähe, nicht von Eigenschaften. Tiere, die dort leben, wo wir leben, werden schneller bewertet – und härter verurteilt.
Die tausenden Arten, die still im Wald leben und ihre ökologische Arbeit verrichten, tauchen in diesem Bild nicht auf. Sie passen nicht in das Narrativ.
Warum es sich lohnt, genauer hinzuschauen
Wer beginnt, Schaben nicht nur als Störfaktor zu sehen, sondern als Tiergruppe, entdeckt schnell etwas anderes: eine enorme Vielfalt, ausgefeilte Anpassungen und eine Evolutionsgeschichte, die weit vor der des Menschen beginnt.
Schaben sind keine Randerscheinung der Natur. Sie sind ein Grundpfeiler.
Und vielleicht ist genau das der Grund, warum sie so leicht übersehen – und so schnell verurteilt werden.

Warum dieser Blick wichtig ist
Aufklärung über Tiere wie Schaben ist keine Spielerei. Sie verändert Wahrnehmung – und damit den Blick auf Natur insgesamt. Wer versteht, wie ein Tier lebt, warum es existiert und welche Rolle es erfüllt, verliert oft einen Teil der Angst. Ekel weicht Neugier, Abwehr wird zu Verständnis. Nicht, weil Schaben plötzlich „sympathisch“ werden, sondern weil klar wird, dass Natur nicht danach funktioniert, ob sie unseren ästhetischen Erwartungen entspricht.
Wer beginnt, Schaben anders zu sehen, verändert meist auch den Blick auf viele andere Tiere. Auf jene, die im Verborgenen leben, die keine Lobby haben und selten als schützenswert gelten. Genau hier entsteht ein tieferes biologisches Verständnis: Wenn selbst ein so abgelehntes Tier sinnvoll, komplex und unverzichtbar ist, dann gilt das umso mehr für den Rest der Vielfalt.
Und genau an diesem Punkt beginnt echte Faszination für Biologie – nicht als Sammlung von Fakten, sondern als neue Art, die Welt zu betrachten.
Falls noch weitere Fragen offen sind, stellt sie uns gerne unter dem Artikel in den Kommentaren.
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