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Was Termiten biologisch zu Schaben macht
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Termiten gehören zu den bekanntesten Insekten überhaupt. Ihre großen Kolonien, ihre komplexen Staaten und ihre beeindruckenden Bauten haben sie seit jeher zu einem beliebten Forschungsobjekt gemacht. Schaben dagegen werden meist ganz anders wahrgenommen. Sie gelten als wenig spektakulär und werden biologisch oft unterschätzt.
Umso spannender ist eine Erkenntnis, die in der modernen Insektenkunde erst vergleichsweise spät klar formuliert wurde: Termiten und Schaben sind eng miteinander verwandt – so eng, dass Termiten heute innerhalb der Schaben eingeordnet werden
Eine Neubewertung auf genetischer Grundlage
Im Jahr 2007 veröffentlichten Forschende umfangreiche genetische Untersuchungen, die die Verwandtschaftsverhältnisse dieser Insekten neu beleuchteten. Die Ergebnisse zeigten eindeutig, dass Termiten keine eigenständige Insektenordnung bilden, sondern aus einer schabenartigen Linie hervorgegangen sind.
Diese Neubewertung war kein plötzlicher Bruch mit früherem Wissen, sondern das Ergebnis präziserer Methoden. Während frühere Einordnungen vor allem auf äußerlichen Merkmalen und Lebensweise beruhten, erlaubten genetische Analysen erstmals einen direkten Blick auf die evolutionäre Herkunft.

Die besondere Lebensweise der Termiten
Termiten leben in hochorganisierten Gemeinschaften. Eine Kolonie besteht aus verschiedenen Kasten, die klar voneinander abgegrenzte Aufgaben übernehmen. Fortpflanzung, Nestbau, Nahrungssuche und Verteidigung sind auf viele Individuen verteilt, die gemeinsam als funktionale Einheit agieren.
Diese Lebensweise macht Termiten besonders erfolgreich. Einzelne Tiere sind kaum überlebensfähig, doch als Gemeinschaft können sie stabile Strukturen über lange Zeiträume aufrechterhalten. Ihre Bauten beeinflussen Böden, Mikroklima und Nährstoffkreisläufe und spielen in vielen Regionen eine zentrale ökologische Rolle.

Ernährung, Symbiose und Zusammenarbeit
Ein wesentlicher Bestandteil der Lebensweise der Termiten ist ihre Ernährung. Die meisten Arten ernähren sich von Holz oder stark zellulosehaltigem Pflanzenmaterial. Zellulose ist für Tiere nur schwer verwertbar, weshalb Termiten auf eine enge Zusammenarbeit mit Mikroorganismen angewiesen sind.
Diese Mikroorganismen leben im Darm der Termiten und ermöglichen die Aufspaltung der Zellulose. Ohne diese Symbiose könnten Termiten nicht existieren. Nahrungsaustausch innerhalb der Kolonie sorgt zudem dafür, dass die nötige Mikroflora weitergegeben wird – ein weiterer Grund für die enge soziale Bindung der Tiere.

Übergänge statt Gegensätze
Betrachtet man Schaben genauer, zeigt sich, dass soziale Organisation kein Alleinstellungsmerkmal der Termiten ist, sondern innerhalb der Schaben in unterschiedlichen Abstufungen vorkommt. Es gibt Arten, die dauerhaft in Gruppen leben, gemeinsame Verstecke nutzen und ihre Nachkommen aktiv schützen. Bei manchen Schaben bleiben die Jungtiere längere Zeit in der Nähe der Mutter, andere zeigen bereits Formen von Arbeitsteilung oder koordinierter Nahrungssuche.
Termiten stehen innerhalb dieses Spektrums nicht außerhalb, sondern am äußersten Ende. Ihre hochkomplexen Staaten sind keine völlig neue Entwicklung, sondern die konsequente Weiterführung von sozialen Tendenzen, die bei Schaben bereits vorhanden sind.
Besonders deutlich wird dieser Übergang an der Art Mastotermes darwiniensis. Sie besitzt noch mehrere Merkmale, die man sonst von Schaben kennt, etwa eine schabenartige Eikapsel (Oothek) und bestimmte ursprüngliche Strukturen im Körperbau. Gleichzeitig lebt sie bereits in organisierten Kolonien mit Arbeitsteilung. Für die Forschung ist sie deshalb von besonderer Bedeutung, weil sie zeigt, wie sich aus einer schabenartigen Ausgangsform schrittweise die hochsoziale Lebensweise der Termiten entwickeln konnte – ohne einen abrupten Bruch, sondern über viele kleine evolutionäre Zwischenschritte.


Dictyoptera – eine gemeinsame Abstammung
Schaben, Termiten und Gottesanbeterinnen werden heute gemeinsam den Dictyoptera zugeordnet. Diese Gruppe teilt grundlegende anatomische und entwicklungsbiologische Merkmale. Die Unterschiede im Verhalten und in der Lebensweise sind das Ergebnis unterschiedlicher Anpassungen, nicht getrennter Ursprünge.
Die Einordnung der Termiten innerhalb der Schaben hilft, diese Zusammenhänge besser zu verstehen. Sie zeigt, wie vielfältig sich ein gemeinsamer Bauplan entwickeln kann – von eher unauffälligen Bodenbewohnern bis hin zu komplexen Staatenbildnern.
Was diese Einordnung bedeutet
Die heutige Sichtweise verändert nicht, was Termiten sind oder leisten. Sie ergänzt vielmehr unser Verständnis ihrer Herkunft. Statt isolierter Sonderfälle wird sichtbar, wie eng verschiedene Insektengruppen miteinander verbunden sind.
Biologische Systematik ist dabei kein starres Konstrukt, sondern ein Werkzeug, das sich mit neuen Erkenntnissen weiterentwickelt. Die Geschichte von Termiten und Schaben ist ein gutes Beispiel dafür, wie Forschung bestehendes Wissen präzisiert und erweitert – ruhig, schrittweise und nachvollziehbar.
Ein Blick auf bekannte Tiere mit neuen Fragen
Wenn man Termiten und Schaben gemeinsam betrachtet, entsteht ein differenzierteres Bild beider Gruppen. Die eine erscheint weniger fremd, die andere weniger schlicht.
Genau darin liegt der Reiz dieser Erkenntnis: Sie lädt dazu ein, bekannte Tiere noch einmal neu zu betrachten – nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit Interesse an den Wegen, die Evolution einschlagen kann.
Falls noch weitere Fragen offen sind, stellt sie uns gerne unter dem Artikel in den Kommentaren.
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